Andreas Kümmert

Here I Am

Als Sieger von “The Voice of Germany” begeisterte Andreas Kümmert Millionen. Gleichzeitig zerschmetterte er die herrschende Vorstellung dessen, was ein Popstar zu tun und zu sein hat. Nun hat der 27-Jährige aus Gemünden am Main das bislang wichtigste Album seiner Karriere aufgenommen. “Here I Am” ist geschult am Blues, Rock und Soul einer längst vergangenen Zeit – und getragen von einer tatsächlich einzigartigen Stimme.

Andreas Kümmert
Dieser Moment, wenn sich die Nadel auf die Platte senkt. Das Knistern im Kopfhörer die Welt da draußen vollständig ausblendet. Der Beat dich vorsichtig einfängt, die Streicher dich davontragen, das erste Riff dich aufschreckt. Und plötzlich eine Stimme einsetzt, die dich in deinem tiefsten Inneren berührt, ganz so als hättest du noch nie zuvor Musik gehört… Dieser Moment ist selten geworden in Zeiten des multimedialen Dauerbeschusses. Zurück bringt ihn nun ausgerechnet ein junger Mann mit Brille und Bart aus der tiefsten unterfränkischen Provinz.

Andreas Kümmert war noch nicht einmal geboren, als seine Vorbilder wie Bob Dylan, Richie Havens, Frank Zappa, Sly Stone, Jim Morrison oder Ray Charles ihre künstlerische Hochzeit erlebten. Trotzdem transportiert er das Gefühl jener Ära wie kaum ein anderer Künstler kongenial in die Neuzeit. Er atmet den Geist der Zeit, als Blues und Folk, R&B und Rock wie selbstverständlich auf einer Bühne koexistierten; vermeintliche Gegensätze zwischen so genannter “schwarzer” und “weißer” lösen sich in purer Seelenmusik, sobald er ein Mikrofon zur Hand nimmt.

Den ersten Kontakt mit Musik hatte Kümmert über seinen Vater, einen semiprofessionellen Trompeter. Der hatte ein Musikzimmer, in das er sich oft stundenlang zurückzog, um Platten von den Eagles, Boston oder Black Sabbath zu studieren. Der kleine Andreas setzte sich gerne dazu und hörte mit. Er hat bis heute nicht aufgehört.

Die Leidenschaft für die Musik ist der rote Faden in der an Brüchen nicht eben armen Geschichte des Schulabbrechers und bekennenden Querdenkers Andreas Kümmert. Als er sich einst seine erste Kassette aussuchen durfte, griff er instinktiv zu einem Album von Guns N’ Roses. Er fraß das Tape förmlich auf, bis es sich nicht mehr abspielen ließ, fasziniert von der Energie im Sound und den Emotionen im Gesang. “Bei dem Song ‘November Rain’ habe ich geweint”, erinnert er sich, “obwohl ich natürlich kein einziges Wort verstanden habe.”

Eher zufällig kam er irgendwann in den Besitz eines Schlagzeuges und begann sofort, darauf herum zu hämmern. Sein Vater entschloss sich schweren Musikerherzens, den Lärm zu erdulden und den Sohn zu fördern. Aber Andreas verschliss gleich vier Schlagzeuglehrer, weil er schlicht “keinen Bock” hatte, Noten zu lernen. Auch erste Gehversuche in der lokalen Blaskapelle waren nicht von dauerhaftem Erfolg. Andreas färbte sich lieber die Haare blau und gründete mit einem Kumpel eine Punk-Band. Wann immer der nicht hinsah, schredderte er heimlich auf dessen Gitarre herum und schaffte sich im Selbststudium das legendäre “Unplugged”-Album von Nirvana drauf. Es folgten weitere Bands und diverse Nachwuchspreise.

Die damals üblichen Heiligtümer seiner Generation wie MTV oder VIVA, das “Backstreet-Boys-Geeier”, wie es Kümmert in seinem authentisch-süffisanten Idiom nennt, interessierte ihn kein bisschen. Er wollte rohe, laute, raue, echte Mucke. Er wollte sich ausleben und sein eigenes Ding durchziehen. Irgendwann setzte er konsequenterweise alles auf eine Karte und verließ die Schule, die ihm ohnehin nie viel bedeutet hatte. Von seiner Großmutter lieh er sich Geld für professionelles Equipment und buchte sich Gigs im gesamten Main-Gebiet. Abend für Abend spielte er in den Clubs und Pubs der Region, manchmal alleine und manchmal mit seiner Band, manchmal vor stattlichem Publikum und manchmal vor nur einer Handvoll Leute. Seine Gedanken und Gefühle fasste er in eigene Songs und veröffentlichte diese in Eigenregie auf diversen EPs und Alben. Um die unverständigen Blicke der Dorfbewohner, die in ihm stets einen Außenseiter sahen, kümmerte er sich kein bisschen. “Diese Rock’n’Roll-Attitüde, diese gewisse Anti-Haltung, den Widerstand gegen das Erwachsenwerden werde ich mir wohl immer bewahren.”

Auf “Here I Am” – Andreas Kümmerts erstem Album für ein Major-Label, das nun endlich erscheint – ist diese Haltung in jeder Sekunde spürbar. Stilistisch hat er sich von seinen musikalischen Anfängen freilich längst entfernt: An die Stelle von trotzigem Punk sind tiefe Blues-Balladen getreten, erdiger Rock‘n’Roll und spiritueller Soul. Aber die Attitüde ist die gleiche geblieben. Andreas Kümmert schwimmt gegen den Strom – und reißt seine Hörer mit der Kraft seiner fast unwirklich eindringlichen Stimme mit.

Auf den zwölf Stücken von “Here I Am” vereinen sich der Beat der Fünfziger, die Lebenseinstellung der Sechziger und die Studiotechniken der Siebziger mit Melodien für die Ewigkeit. Ehrliches Musiker-Handwerk. Unverstelltes Gefühl. Und ein instinktives Gespür für zeitlos große Songs.

Es ist genau diese Kombination, mit der Kümmert auch das Publikum von “The Voice Of Germany” begeisterte. Im Dezember 2013 gewann er die dritte Staffel der viel gelobten Show auf ProSieben und Sat.1, die Menschen über Oberflächlichkeiten und echtes Talent über Drama stellt. Dabei wollte er das ursprünglich gar nicht. “Eigentlich war ich nur auf der Suche nach einem preisgünstigen Weg, meine Musik etwas publiker zu machen. Der Plan war: Ich gehe da hin. Ich bin ein, zwei Mal im Fernsehen zu sehen. Und darauf baue ich dann auf.” Kümmert schmunzelt. “Tja, das ist wohl ein bisschen anders gelaufen…”



Das kann man so stehen lassen: Schon mit seinem ersten Auftritt sang er sich tief in die Herzen der Zuschauer. Im Team von Max Herre gewann er schließlich mit riesigem Vorsprung – ein unwahrscheinlicher Erfolg eines unwahrscheinlichen Stars. Herre wirkte nun auch entscheidend an “Here I Am” mit. Gemeinsam mit dem Australier Justin Stanley (Beck, Eric Clapton, The Vines, Nikka Costa) zeichnet er als Produzent der Platte verantwortlich. Auch zahlreiche Künstler aus seinem Umfeld wie Joy Denalane oder die Musiker des KAHEDI RADIO ORCHESTRA (mit denen er unlängst eine umjubelte und immens erfolgreiche “MTV Unplugged”-Session aufnahm) waren an den Arbeiten beteiligt.

“Ich hatte als Jugendlicher eine Phase, in der ich viel Freundeskreis gehört habe”, erinnert sich Kümmert. “Max’ künstlerischen Ideale und seine Lebenseinstellung haben mir immer schon getaugt. Außerdem hat er ein riesiges Musikwissen.” Drei Wochen lang schlossen sich die beiden in einem Berliner Gebäudekomplex ein, um gemeinsam mit einer Armada an Ausnahme-Instrumentalisten in zwei Studios gleichzeitig zu komponieren, zu texten und zu jammen. Sie tauchten ein in ihre eigene Wunderwelt voller Vintage-Instrumente und analogem Studiospielzeug. Unten im AudioCue Studio frickelten sie an Songideen, oben im Jazzanovarecordingstudio experimentierten sie mit klassischen Aufnahmetechniken und entwickelten gemeinsam mit Justin Stanley den Albumsound. Der überzeugte u.a. den US-Keyboarder und -Arrangeur Jeff Babko (James Taylor, Joe Cocker), der spontan die Streicher-Arrangements des Albums übernahm. Auch der Lenny-Kravitz-Gitarrist Craig Ross war begeistert und veredelte als Special Guest einen Song mit seinem Spiel.

Ähnlich organisch lief die Zusammenarbeit mit Justin Stanley ab. Die erste Singleauskopplung “Just Like You” zum Beispiel entstand während einer spontanen, von Stanley initiierten Jam Session am Frühstückstisch. “Justin kann sich extrem gut in die Künstler hineinversetzen, mit denen er arbeitet. Die Soul-Ballade ‘For So Long’ zum Beispiel, die er für mich geschrieben hat, ist eines meiner liebsten Stücke des Albums. Er hat genau verstanden, was mich als Mensch ausmacht. Als ich den Song aufgenommen habe, ging’s mir nicht so gut. Justin hat gesagt, ich soll einfach in die Kabine gehen und das rausschreien. Das hat wunderbar funktioniert: Musik ist wie eine Therapie für mich, manchmal auch wie eine Droge.”

Ein weiteres Schlüsselstück der Platte ist “Jordan”, eine Coverversion der von Kümmert hochgeschätzten Rival Sons. “Dass sie meine Nummer toll fanden, hat mir viel bedeutet”. “Sky Is Calling” dagegen ist eine Neuauflage von Kümmerts Eigenkomposition “Like My Daddy Said”. Auch “Simple Man”, mit der er schon bei “The Voice Of Germany” brillieren konnte, ist auf dem Album vertreten. “Dieses Stück beschreibt mich sehr gut. Ich lege keinen großen Wert auf materielle Dinge. Mir bedeuten Gesten und Werte mehr als Äußerlichkeiten oder wie viel Geld jemand hat. Am wichtigsten sind mir die Menschen, die mich von Beginn an auf meinem Weg begleitet haben: egal ob Familie, Freunde oder Fans. Ohne sie hätte ich es definitiv nicht bis hierhin geschafft.”

“Voice” hin, Hits her: Andreas Kümmert ist sich treu geblieben. Er hatte eine Karriere vor dem Fernsehen und er wird auch danach eine haben. Es mag wie ein Klischee klingen, aber ihm ging es tatsächlich nie um Ruhm, sondern stets nur um die Musik. “Ich denke, dass Musik etwas Magisches ist. Deswegen kann ich auch nicht näher erklären, was ich tue. Ich folge einfach meinem Bauchgefühl und tue das, was ich für richtig halte.” Glaubt man dem Bauchgefühl seiner zahlreichen Fans, dann kann er damit so falsch nicht liegen.
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