Hattler

Warhol Holidays

Hellmut Hattler ist der Bassist, der so klingt wie... Hattler. Und wie kein anderer Musiker. Hattler scannt nicht die Szene ab, um irgendwelchen Trends nachzuspüren. Immer ist er seiner eigenen, inneren Stimme gefolgt. Und diese Stimme hat der Bassist jetzt genauer erforscht. Hat Schicht um Schicht abgetragen, sich vorgearbeitet in sein Unter¬bewusstsein. Das gilt ganz konkret auch fürs Komponieren. Bislang standen meist die elektronischen Grooves am Anfang – entwickelt von seinen „Laborratten“, wie Hattler seine Kollegen aus der Programmierabteilung liebevoll nennt. Dann hat er Basslinien drübergelegt, Harmonien, Melodien und zum Schluss den Text.

Hattler
Jetzt ist Hattler ganz anders vorgegangen. Bei den meisten neuen Songs stand am Anfang nicht die Elektronik, nicht die Technik, auch keine Fingerübungen am Bass. Am Anfang stand: Die reine Idee! Hellmut Hattler hat sich eine Zeit lang zurückgezogen, in sich hineingehorcht. Die Musik entstand nicht am Instrument, sondern zunächst mal im Kopf. Jedes musikalische Element hat er reifen lassen, bis eine bestimmte Stimmung erreicht war. Dann erst hat er die nächste Schicht, die nächste Linie entwickelt. „Das geht nur in der Abgeschiedenheit und mit viel Zeit“, sagt Hattler.

Das Album „Warhol Holidays“ ist im Grunde auskomponierte Lebenserfahrung: Hattler hat verschüttete Erinne¬run¬gen, Empfindungen wieder freigelegt – Beglückendes, Schmerzhaftes, Sehnsüchtiges, Witziges. Auch in den Texten finden sich jede Menge biographischer Mitbringsel: Etwa im ironischen Blick auf berauschte Hippiezeiten in „High on a mountainbike“ oder im entspannten wie tiefen Song „Love and freedom (no smiley)“. Im Titeltrack „Warhol Holidays“ blitzt die Erinnerung an die Anfänge der Pop-Art auf: Wie nahe liegen Kunst und Kommerz beieinander? Ist die Re¬bellion der Popkultur nicht längst von einem einlullenden Wohlgefühl abgelöst worden? Und was bedeuten diese Fragen von einst in der heutigen Zeit? Der Song „Warhol Holidays“ überträgt sie auf die falschen Versprechen, die traurigen Verführungen unserer Tage.

„Es geht mir im Moment sehr darum, die momentane Situation zu relativieren und künstlerisch zu erfassen. In Zeiten wie diesen (Stichwort: AfD, NSA, Anti-Demokraten auf dem Vormarsch) braucht es eine Positionsbestimmung“, so Hattler. Was ist mein Kern? Was macht mich aus?

Dennoch ist „Warhol Holidays“ überhaupt kein schweres Album geworden. Texte wie Titel stecken voller Wortwitz („Parallelgesellschaftstanzmusik“). Und der Sound der Band ist durchaus Tanzboden-tauglich geblieben. Der Mann am Bass liefert bewährt knackige Fundamente und geschmeidige Melodien. Neben der seit zehn Jahren stabilen Stamm¬besetzung bringen Gastmusiker wie die Perkussionisten Biboul Darouiche und Wolfgang Wahl, Tastenmann Martin Kasper, der Gitarrist Ali Neander sowie die Soundspezialisten XMZ, Peter Musebrink oder die Stimmen von DJ Jondal, Tracy, Margaret und Steve Cork neue Farben in die Musik. Und Sängerin Fola Dada ist für Hellmut Hattler nach wie vor die „Traumbesetzung“ für seine Songs.
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